
Original oder Fälschung?
Polizei und Bundeswehr ermitteln gegen schwule Uniformträger
Ein Freitagabend Ende November in einer schummrigen Kneipe nahe des Hamburger Hauptbahnhofs: Unter konspirativen Umständen versammeln sich etwa ein Dutzend Uniformierte, einige der Soldaten tragen korrekte Bundeswehruniformen, andere eher bunt zusammengewürfelte Tarnkleidung, wie man sie von Milizionären aus dem Fernsehen kennt. Und die führen bekanntlich nur selten Gutes im Schilde.

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Von der Staatsmacht blieb die Versammlung weder unentdeckt noch fand man sie hinnehmbar, ein Eingreifen erschien schon zur Durchsetzung der Rechtsordnung notwendig: So rückten Polizei und Feldjäger der Bundeswehr an, auch einen Staatsanwalt samt Durchsuchungsbeschluß hatte man gleich mitgebracht.
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Ziel der aufwändigen Aktion war keine al-Qaida-Zelle, sondern bloß der monatliche Stammtisch der schwulen Uniformfetischisten von "Kommando Nord" im "Chaps". Einziger Vorwurf: Amtsanmaßung im Sinne des Paragrafen 132 des Strafgesetzbuchs. Zwar kann man darüber streiten, ob ein Uniform-Stammtisch in einer Kneipe als Handlung anzusehen ist, "welche nur kraft eines öffentlichen Amtes vorgenommen werden darf" , wie der Gesetzestext verlangt - Polizei und Staatsanwalt schritten jedenfalls energisch dagegen ein. Da half es den Delinquenten auch nicht, daß sie geständig waren: Formaljuristisch stellt das Tragen einer korrekten Uniform zweifellos eine strafbare Handlung dar - auch wenn der Gesetzgeber dabei wohl weniger an "Kommando Nord" als an kriminelle Aktivitäten oder den Hauptmann von Köpenick gedacht haben dürfte.
Dessen komödiantische Qualitäten hatte der Einsatz zeitweise durchaus: Weil keiner der Zuständigen bei Polizei und Staatsanwaltschaft gedient hatte, mußten die mitgebrachten Feldjäger die Authentizität der Bundeswehruniformen feststellen. Ihre Träger mußten diese unverzüglich - noch im Lokal - ausziehen. Wer keine Privatkleidung dabei hatte, wurde nach Hause gefahren, um sich dort unter amtlicher Aufsicht umzukleiden. Die Uniformen wurden beschlagnahmt, gegen ihre Besitzer Strafverfahren eingeleitet. Immerhin war bei der Aktion ein Ansprechpartner gegen antischwule Gewalt der Hamburger Polizei zugegen. |
Falscher Soldat beim Reservistenverband
Solange nichts Schlimmes passiert, machen wir nichts!" Noch im September 2002 hat die Pressestelle des Verteidigungsministeriums mit diesen Worten auf eine hinnerk-Anfrage reagiert, wie die Bundeswehr mit fetischisierenden Uniformträgern umgehe. Der Presseoffizier hatte seinerzeit aber auch auf die bestehende Rechtslage verwiesen - auf die sich jetzt auch die Verantwortlichen in Polizei und Staatsanwaltschaft berufen: Das unbefugte Tragen der Uniform - ob mit oder ohne Hoheits- und Dienstabzeichen - sei nun mal ein Offizialdelikt, gegen das die Polizei vorgehen müsse. Hintergrund des polizeilichen Eingreifens laut Staatsanwaltschaft: Der Reservistenverband, bei dessen Veranstaltungen ein unechter "Kommando Nord"-Soldat aufgefallen sei, habe bei der Bundeswehr "Druck gemacht:' woraufhin die Truppe ihrerseits die Polizei einschaltete. |
Gefragt, ob sich hier ein Stimmungswandel bei Polizei und Justiz gegenüber Schwulen und insbesondere "Kommando Nord" andeute, antwortete Rüdiger Bagger, Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, gegenüber hinnerk eher humorig: "Da es sich nicht um einen Fall von andauernder Schwerkriminalität handelt, sieht die Staatsanwaltschaft keinen Anlaß zu wöchentlichen Durchsuchungen."
(hinnerk 1/03; Jörg Rowohlt) |
Schwule in Uniform - "Nicht weiter schlimm"
Das Verteidigungsministerium unternimmt meist nichts
gegen Fetisch-Soldaten |
Rollenspiele, Befehl und Gehorsam, Dominanz und Unterwerfung. Und das alles auch noch vor authentischer Kulisse. Uniform-Fetischisten leben sich auf Manövern aus, militärischer Drill bei Wind und Wetter. Ganz wie echte Soldaten: Die Armee als pornographische Fantasie. Wobei beim Camourflage-Sex der Militarismus gar keine Rolle spielt. Worauf es ankommt, ist allein die Uniform. Viele waren nie bei der Bundeswehr, legen aber Wert drauf, mit Typen durchs Gelände zu streifen, die man sich als Soldaten auch wirklich vorstellen kann.
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Repressalien von offizieller Seite haben die Uniform-Fetischisten bei ihren Manövern meist nicht zu befürchten. Ein Grundsatzsprecher des Bundes- verteidigungsministerium sagt: Wenn es nicht weiter schlimm ist, machen wir auch nichts." Die offiziellen Stellen der Bundeswehr wissen, daß Schwule mitunter auf Uniformen stehen - und das dann auch schon alles ist.
Aber aufgepaßt: Wer mit allzu authentischer Uniform, sprich mit Hoheits- und Dienstgradabzeichen, von Feldjägern angetroffen wird, muß im schlimmsten Fall mit einer Anzeige wegen Amtsanmaßung rechnen. Läßt man die Deutschlandflagge oder die Schulterklappen weg, hat die Militärpolizei keine Handhabe. Ansonsten gilt: Wer sich als falscher Soldat ordentlich benimmt, müßte eigentlich auch hoch erhobenen Hauptes an den Feldjägern vorbeikommen. Die schreiten schließlich nur bei begründetem Verdacht ein. Auffällig wäre allerdings ein jugendlich wirkender Oberleutnant, ein bierdosentrinkender Hauptfeldwebel oder ein Soldat, der ohne Kopfbedeckung und mit heraushängenden Schnürsenkeln in der Öffentlichkeit angetroffen wird.
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Auch Schwule, die auf Polizei-Uniformen stehen, haben in der Regel nichts zu befürchten. Erinnert sei an einen Fall, der sich vor einem Jahr vor dem Hamburger "Tom's" abgespielt haben soll: Echte Polizisten beschlagnahmten damals die Lederkombis zweier falscher Polizisten. Was zunächst nach einer Geldstrafe von 2000 Mark aussah, wurde später wegen Geringfügigkeit eingestellt.
(hinnerk 5/02; Thomas Christes) |
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